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Dienstag, 30. Juni 2026

Baltikum 2026 - Vilnius

Wenn man sich die Klientel in den Lounges so anschaut, kann man zwei Typen erkennen. Einerseits die Personen mittleren Alters, die, egal ob geschäftlich oder privat reisend, bei den Herren gerne stolz ihren Wohlstandsbauch vor sich hertragen und bei den Damen durch ein sehr gepflegtes Äußeres, oft mit einem Hang zum Perfektionismus, auffallen. Und dann gibt es noch die jungen Wilden, die, wie auch immer, früh zu Wohlstand gekommen sind und wo Status(symbole) genau das ist womit man in den bekannten Netzwerken Aufmerksamkeit/Follower generieren kann. Aber es gibt auch eine seltene Gattung, die kaum Erwähnung bedarf, weil sie vermutlich so selten sind wie ein iberischer Luchs: nämlich die Personen des öffentlichen Lebens, die uns in Gestalt von Smudo und Michi Beck begegnet sind. 

Litauen, Lettland und Estland... Das Baltikum, das ich als Kind für den Balkan hielt, wird bislang noch relativ wenig beworben, so dass wir als Touristen uns drei schöne und authentische Länder erhofften, die noch nicht verdorben sind durch die Einflüsse zu vieler Menschen auf kleinem Raum. Wir wollten die drei Länder kennenlernen, die uns immer mal kurz irgendwo begegnet sind und inzwischen ausreichende Neugierde geweckt haben um sie von der "Bucketlist" zu nehmen. Unser Plan sah vor, auch aufgrund des zeitlich begrenzten Rahmens von 11 Tagen, überwiegend in und um die Hauptstädte zu bleiben. Wir waren gespannt was uns erwartete. Erstes Ziel war Vilnius. Die einzige der drei Städte im Hinterland und in unmittelbarer Nähe zu Weißrussland.  

 

Der Kontrast hätte kaum größer sein können: Während die Altstadt von Vilnius Weltkulturerbe ist, merkt man außerhalb noch viel vom sozialistischen Einfluß den Litauen als Teil der UdSSR hatte. Die Häuserblocks hässlich und sozialistischer Einheitsbrei, aber auch die Straßen, wohlgemerkt Hauptstraßen, hatten teilweise kratertiefe Schlaglöcher wovon wir uns bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt überzeugen konnten. Auch sonst eher etwas trostlos, was uns an die Vororte von St Petersburg erinnert hat. An StP erinnert aber auch ein großes, weithin sichtbares Banner auf einem Hochhaus: "Putin, the Hague is waiting for you!". Wenn das mal nicht ein Statement ist! Ja, eine Frage, die uns auch im Vorfeld beschäftigte, war die Sicherheit aufgrund des Kriegs in der Ukraine. Wir sind nicht überängstlich, jedoch auch nicht unbedacht. Deshalb haben wir versucht, so gut es ging abzuwägen wie die Situation an der "NATO Ostflanke" ist. Es gab eigentlich nicht viel Grund zur Unruhe, aber kurz bevor wir flogen gab es Berichte über feindliche Flugobjekte im Land. Bei uns an Bord waren auch Soldaten der Bundeswehr, die in Litauen das größte Kontingent der NATO Streitkräfte stellen. Soweit so gut, denn das ist die Normalität, die wir auch erwarteten, aber ich will nicht unerwähnt lassen, dass wir an einem Morgen im Zimmer saßen, als beide Handys seltsame, laute Geräusche von sich gaben. Es waren Warnmeldungen, wie sie auch testweise in D ab und zu stattfinden. Hier jedoch waren sie kein Test, sondern ernst. Und auf einmal waren wir mittendrin im "Alltag" der Litauer. Die theoretischen Überlegungen im Vorfeld sahen sich nun mit der Realität konfrontiert. Wir haben nichts verstanden, konnten aber den screenshot übersetzen, der wieder von einem UFO berichtete, der in den Luftraum Litauens eingedrungen war und dazu aufrief sich nicht draußen aufzuhalten und ggf Trümmerteile zu melden. Wir funkten darauf den Manager an, der uns erzählte, dass dies immer mal vorkomme und es die eigenartige Methode der Nachbarn sei, Grüße rüber zu schicken. Außerdem sollte es sicher bald Entwarnung geben. Nach etwa einer halben Stunde war es dann auch so. Später stellte sich heraus, dass eine unbekannte Drone abgefangen wurde. Wer sie steuerte, ist uns nicht bekannt. Auch wenn wir keine Angst hatten, so war das Gefühl, dass es im Ernstfall lediglich 50km zur Grenze nach Belarus sind, irgendwie unbehaglich und ich hoffe ernsthaft, das es maximal bei Zwischenfällen dieser Art bleibt. Was aber in Bezug auf die Ukraine auffällt ist die offene Solidarität mit dem Land. Überall wehen die gelb/blauen Fahnen oder sieht man Aufkleber usw. Und das gilt nicht nur für Litauen, sondern für alle drei baltischen Staaten. Gemessen am BIP sind es auch die Staaten, mitsamt den skandinavischen Ländern, die das Land am meisten unterstützen.

 

Ein Relikt aus der Zeit des Sozialismus, das einem oft in Staaten des ehemaligen Ostblocks begegnet: Ein Oberleitungsbus 

Das Wetter spielte anfänglich nicht so mit. Zwar hat die Stadt das ganze Jahr über, relativ konstant, um die 14 Tage Regen im Monat. Während unseres Aufenthalts hat es aber auch jeden Tag geregnet. Zum Glück war es aber nicht so, dass es den ganzen Tag regnete, sondern sich regnerische mit sonnigen Abschnitten abwechselten, ein bischen so wie in den Tropen. Dafür sind die Stadt und das Land aber sehr grün und die Stadt wirbt damit, dass über 60% der Stadtfläche aus Grünflächen bestehen und fast 50% allein mit Bäumen bewachsen sind. In der Altstadt merkt man das nicht so, aber wenn man mal in einen Stadtplan schaut, kommt das schon hin.

 

 

 Regen und Sonne waren gerne mal Minuten auseinader

Das The Joseph war von außen nicht als Unterkunft zu erkennen, aber drinnen schick und sehr gepflegt. Wie wir vom Manager gelernt haben, täuscht der äußere Eindruck in Vilnius oft, denn die Fassadensanierungen sind teuer und erfüllen eher einen kosmetischen Zweck, was natürlich nicht stimmt, aber offenbar ist auch der ökonomische Aspekt nicht ganz unwichtig. In der Altstadt selbst wiederum ist vieles einer ausführlichen, kosmetischen Behandlung unzerzogen worden, denn die Fassaden vieler Gebäude erstrahlen wieder in altem Glanz. Allein die Geschichte des Fürstenpalasts ist ein gutes Beispiel für das, was man erreichen kann, wenn das Budget stimmt und der kulturelle Wert über den kommerziellen gestellt wird. Dieser Palast nämlich wurde praktisch komplett neu aufgebaut. Nach umfangreichen archäologischen Ausgrabungsarbeiten, die sich über fast zwei Jahrzehnte hinzogen, wurde er komplett neu gebaut. Kriege und die sowjetische Besatzung hatten die gesamte Bausubstanz vernichtet, jedoch nicht die Erinnerung an die Geschichte. So entstand ein Monument, das heute, die zugegeben reiche Historie des Landes, in einen würdigen Rahmen packt. Unseren Besuch dort, verbanden wir mit einer Regenpause, und begaben uns auf eine Reise, die uns doch überrascht hat. Wenn man heute auf die baltischen Staaten schaut, erkennt man relativ kleine Länder am Ostrand der Ostsee. Wenn man aber mal die Ausdehnung des litauischen Reichs im 14.-16. Jh anschaut, stellt man fest, dass dazu große Teile Polens und die Ukraine bis zum Schwarzen Meer gehörten, und es weiter im Osten bis kurz vor Moskau reichte. Es war ein Großfürstentum und eine Macht in Osteuropa. Doch wie die Geschichte uns lehrt, währen solche expansiven Tendenzen nicht lange und sind meist nur temporär gewesen. So auch das litauische Reich, das im späten 16Jh Probleme bekam, die einerseits intern durch Machtkämpfe hervorgerufen wurden, aber auch externer Natur waren, weil sich Völker auflehnten oder Bedrohungen der Außengebiete zunahmen. Übrigens passierte es auch umgekehrt, nämlich als Russland Litauen unterwarf und besetzte, bis sich das Volk wehrte und die Russen wieder vertrieb. Lange Rede, kurzer Sinn, das Museum ist jedenfalls sehr interessant und gut gemacht, denn es beherbergt auch immer wieder temporäre Ausstellungen, die nicht zwingend etwas mit der Landesgeschichte zu tun haben. 

 

 

Der Fürstenpalast 

Ein gewisser Nationalstolz ist nicht zu übersehen, denn alle paar Meter findet man Flaggen an Häusern, auf Gebäuden oder eher dezent als Aufkleber in Fenstern. Stolz ist man hier auch auf die berühmten Bürger der Stadt. Einer dieser Bürger war Adam Mickiewicz, der im 19.Jh als Dichter und politischer Aktivist lebte. Ihn kennt in Vilnius jeder, obwohl er nicht lange in Vilnius gewohnt hat. Man begegnet ihm zum Beispiel als Skulptur, die sich auf dem Platz vor St Bernardiner befindet. Aber auch das Haus in dem er gelebt haben soll, trägt ihm zu Ehren Gedenktafeln. Es steht am Anfang der "Literatu Straße", die einige Künstler vor etwa 15 Jahren mit kleinen Kunstwerken verziert haben, die sie dutzenden Schriftstellern und Literaten gewidmet haben. 

 

 

Die Literatenstraße 

Ob es am Wetter lag, es regnete wie gesagt jeden Tag, wissen wir nicht, aber selbst bei gutem Wetter war nicht übermäßig viel los. Kein Gedränge oder Anstehen, sondern eine angenehm überschaubar bevölkerte Stadt. Von Overtourism keine Spur. Aber trotzdem fielen uns Grüppchen auf, die man an Namensschildern oder umgehängten Ausweisen erkennen konnte, und sich vornehmlich in Kirchennähe häuften. Zuerst hielten wir sie für Zeugen Jehovas oder Missionare, aber ein Blick ins Internet lieferte die Erklärung. Es war der "Weltapostolische Kongress der Barmherzigkeit", der mit einigen tausend Teilnehmern in Vilnius stattfand. Ja, Kirchen und Gotteshäuser gibt es in Vilnius viele. Teilweise liegen sie auch nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Als Rom des Ostens oder Stadt der 1000 Kirchen, hat es allein in der Altstadt um die 50. Dabei sind sowohl verschiedenste Epochen vertreten, als auch Stilrichtungen. Katholisch, orthodox in barockem, gotischem oder auch byzantinischem Stil. Was man aber nicht findet, ist eine Synagoge. In ganz Vilnius gibt es nur noch eine, obwohl es mal eine große jüdische Gemeinde gab, die aber größtenteils dem Holocaust zum Opfer fiel, aber dazu im nächsten Bericht mehr. Die größte Kirche ist die Kathedrale, mit ihrem versetzten Kirchturm. Zwischen den beiden Gebäuden findet sich eine Steinplatte mit der Beschriftung "Stebuklas", zu deutsch: Wunder. Hier kann man, sofern man etwas dafür ürig hat, sich sie stellen, einmal um die eigene Achse drehen und sich etwas wünschen. Das soll dann in Erfüllung gehen. Naja, wer`s glaubt...

 

 

Zu Beginn der Reise fragten wir uns welche Religion vorherrschend ist und lernten, auch anhand der Anzahl der Kirchen, dass es die Katholische Glaubensrichtung ist. Etwa dreiviertel der Bevölkerung gehören ihr an. Litauen wurde im 14.Jh christianisiert und hat es auch über die russische Besatzungszeit hinweg beibehalten. Besonders haben uns die Kirchen St Bernhardiner und St Johannes gefallen, wo wir auch den Glockenturm bestiegen haben. Er ist der höchste in der Altstadt und durch die zentrale Lage hat man einen schönen Rundumblick. Da er auch zur Universität gehört, befindet sich darin auch ein enormes Faucaultsches Pendel, das stoisch hin und herschwingt. 

 

 

 

 

 

 

Ein paar Eindrücke von St Bernardiner und St Johannes 

Direkt nebenan liegt der Präsidentenpalast. Man kann ihn sogar, nach vorheriger Anmeldung, besuchen. Was man aber unangekündigt darf, ist den Garten des Palasts besuchen. Es steht sogar ein Schild am Eingang, das ausdrücklich dazu einlädt. Drinnen ist alles sehr gepflegt und es gibt Sitzgelegenheiten und es war noch weniger los als in der Stadt. Wirklich gefallen haben uns ja die kleinen Gassen und Hinterhöfe, in die wir auch mal geschaut haben. Sie findet man überall in der Altstadt und man kann sich prima in ihr verlieren, oder verloren zu sein, denn allzu groß ist sie nicht. Immer kommt man irgendwo raus, wo man entweder schon war oder eine Sehenswürdigkeit steht, die man gut orten kann.

  

 

 

 

Die Macarons an der Wand luden zum Testessen ein 

Für uns ist die Sprache ja auch immer wieder etwas, mit dem wir versuchen unseren Respekt an die Menschen zurückzugeben. Zugegeben, dieses mal ist es uns nicht wirklich gut gelungen. Ohne allzusehr vorweggreifen zu wollen, kann ich schon verraten, dass alle drei baltischen Sprachen grundlegend verschieden sind und ein Lette nicht unbedingt litauisch versteht usw. Das liegt auch an den Sprachfamilien denen sie zugehören. Da wir uns aber nur auf ein "Danke" und evtl "guten Tag" beschränken wollten, waren wir anfänglich guter Dinge. Jedoch sind wir beim Litauischen schon ziemlich schnell gescheitert, "Aciu" ist zwar kurz für danke aber irgendwie wollte das Wort nicht auf die Festplatte. Meist haben wir uns mit dem Handy beholfen kurz bevor es zu einer Situation kam wofür wir uns bedanken wollten. Aber eines ist wirklich gut: die jungen Menschen im Land sprechen hervorragend Englisch. Somit war die Kommunikation überhaupt kein Problem.

 

 

Vilnius im Laufe der Zeit. Fotoausstellung auf dem Platz vor St Parasceve 

Kulinarik darf auf unseren Reisen natürlich auch nicht fehlen. Wie immer hatten wir schon vorgebucht und waren abends somit verplant. Dennoch mussten wir uns auch morgens bzw mittags mal stärken und das nutzen wir um auch die lokalen Spezialitäten zu probieren. Da wir aus Gewohnheit früh aufstehen, meldet sich der Magen i.d.R. auch schon recht bald. Dummerweise merkten wir umgehend, dass Vilnius eher von Langschläfern bewohnt wird. Ein Frühstückscafé zu finden, das vor 9h aufmacht, ist eher schwierig. Selbst als wir uns aufmachten, fühlte ich mich an einen Spruch aus meinem Film für alle Fälle, der "Superstau", erinnert: "Tot, wie Stuttgart nach Ladenschluß". Ein Blick in die Schaufenster oder Türen der Läden offenbarte, dass vor 10/11h nicht mit den Betreibern gerechnet werden dürfte. Eines unserer besuchten Cafés hieß Elska und war etwas alternativ angehaucht, mit second hand, oder wie es heute heisst: vintage Möbeln, und einer Auswahl, die auf "continental breakfast" verzichtete. Stattdessen gab es Müsli, Stückchen und Shashuka, die ich mir gleich mal gönnte. 

 

 

Frühstück 

In Litauen kommt man an einem Gericht nicht vorbei. Es begegnet einem in Souvenirshops als Pin, Topflappen oder lacht von fast allen Menütafeln der Restaurants entgegen: Pink Soup. Die leuchtend rosa Suppe besteht aus Roter Beete mit Sauerrahm und Kräutern und wird kalt serviert. Eine osteuropäische Interpretation einer Gazpacho, die inzwischen so gefeiert wird, dass es jedes Jahr ein eigenes Festival gibt. Wir haben sie in einem Restaurant in Uzupis, dem "One for all", probiert. Ob es die beste war, können wir nicht einschätzen, aber sie war sehr lecker. Dazu hatten wir Biezpiena pelmeni, eine Art Ravioli, gefüllt mit einer Quark-Minz Mischung, die auch sehr gut waren. 

 

Pink Soup 

Abends waren wir einmal in einem lettischen Restaurant, dem Farmer and the Ocean essen. Dort hatten wir den ersten Kontakt mit der lokalen Küche. "Silke pataluose", steht für Hering im Pelzmantel. Ein Klassiker der normalerweise ein Schichtsalat aus einegelegten Zwiebeln, Kartoffeln und Ei ist, wir aber als eine Art Sandwich bekamen. 

 

 

Farmer and the Ocean 

Das Demo war ein Gourmetrestaurant mit nachhaltigem Ansatz. Alois, der Sommelier, hat uns einen tollen Abend als Gastgeber beschert, aber auch die Gerichte waren hervorragend. Am letzten Abend waren wir dann wieder auf einem anderen Dampfer unterwegs, nämlich mediterran/goa Fusionsküche im Gaspar's. Auch hier haben wir einen sehr leckeren Abend gehabt. 

 

 

 

 

 

Demo und Gaspars 

Uzupis ist auch noch erwähnenswert, weil es sich bei dem Stadtteil um eine "Republik" handelt. Entstanden ist sie aus einer Künstlerkolonie, nachdem diese in den frühen neunziger Jahren das heruntergekommene Viertel für sich entdeckt hatten. Im Jahr 1998 erklärte man sich "unabhängig" mit eigener Verfassung und einem gewissen Augenzwinkern gegenüber der herkömmlichen Regierungsform. Ähnlich wie in Kopenhagen mit Christiania wird das auch toleriert, aber inzwischen hat die "Revolution" sich selbst aufgefressen, denn auf unserem Streifzug entdeckten wir doch viele Statussymbole wie PS starke Automobile und vermutlich sind auch die Mieten bzw Immobilienpreise kein Schnäppchen mehr. Jedoch ist Uzupis kein "rechtsfreier" Raum, wie Christiania mit seinem freien Drogenmarkt manchmal wirkt. 

 

 

 

 

Ein paar Eindrücke aus Uzupis 

Vilnius ist, wie Alois uns erzählte ein Hub für Digitalbusiness aller Art. Seien es FinTechs oder IT, Geschäftsdienstleistungen oder Biotech Unternehmen. Mehrere hundert Firmen, viele auch aus dem Ausland, erfreuen sich an niedriger Regulierung und schnellen Entscheidungen. Dies kommt auch teilweise zügig im Alltag an. Die Stadt ist, wie übrigens auch die anderen beiden Kapitalen, sehr fortschrittlich. Man "tapt" im Bus für Fahrkarten oder auch in Supermärkten oder Cafes. Selbst die öffentlichen Klos kann man mit Karte oder App bezahlen. Als ich beispielsweise fragte ob ich Trinkgeld mit auf die Rechnung setzen könne, bekam ich eine Plastikkarte mit QR Code gereicht womit ich das volldigital erledigen könnte. Das ich über sowas erzähle zeigt eigentlich schon wie weit hinten D mit seiner Digitalisierung liegt. Alois erzählte, dass selbst die Dienste des Bürgeramts volldigital funktionieren und Ortstermine eine einmalige Sache seien. Außerdem gibt es staatliche und halbstaatliche Agenturen, die die Ansiedlung von Unternehmen sowie einen Umzug von Privatpersonen aktiv unterstützen.

 

 

Wir verbrachten zweieinhalb Tage in Vilnius. Eigentlich hatten wir auch vorgesehen mal einen Tag nach Trakai zu fahren. Das ist eine Wasserburg, idyllisch in einem See gelegen und bei schönen Wetter auch sicherlich eine Fahrt wert. Jedoch warnte uns der Hotelmanager vor, dass die fliegenden Händler drumherum schon zielmlich nervötend sein könnten. Sowas würde uns eigentlich auch nicht wirklich abschrecken, aber wieder einmal spielte das Wetter nicht mit und so beschlossen wir unsere Spaziergänge auf den Altstadtbereich zu begrenzen. Ausgangspunkt war für uns, aufgrund der Nähe zur Unterkunft, die Kathedrale mit ihrem großen Platz. Der anschließende Bernardiner Garten ist ein schönes Beispiel für die erwähnte Grüne Stadt. Ob diese Tatsache ein Grund dafür ist, dass die allermeisten Bewohner der Stadt, laut einer Umfrage, gerne in Vilnius leben? Sicherlich spielen auch andere Beweggründe eine Rolle. Jedenfalls nutzten wir ein paar sonnige Stunden mal um auf den Gediminas Turm zu steigen, der auf einem Hügel am Rande der Altstadt liegt. Er ist nach einem der drei wichtigsten Großfürsten des Landes benannt und offenbart einen schönen Blick über die Altstadt. Besser gefallen hat uns allerdings die Aussicht vom bereits erwähnte Glockenturm von St Johannes, weil man dort mitten in der Stadt ist. Die alten Unigebäude kann man auch in Teilen besuchen, wobei die Bibliothek sicherlich ein Höhepunkt ist, die nach Vorabbuchung besucht werden kann. Den schönen Campus kann man kostenlos besichtigen und auch am Wochenende betreten. 

 

 

 

 

 Ausblicke

Vilnius' Stadtmauer ist leider nur noch in wenigen Teilen erhalten und unseres Wissens nicht begehbar. Was allerdings besucht werden kann, ist die Bastion, ein Teil der Stadtmauer, die allerdings auch weitestgehend neu aufgebaut worden ist. Ihre Hufeisenform ist dabei das auffälligste Merkmal. Innen befindet sich ein Museum, das die Geschichte der Bastion erzählt und auch einen teil der Stadtgeschichte aufgreift. Ergänzt wird alles mit Artefakten aus der Zeit als die Mauer noch stand. Ein erhaltener Teil der Stadtmauer ist eines der ehemaligen Stadttore, das "Ausros Vartei", das Tor der Morgenröte. In ihm und der Kirche St Teresa nebenan, findet man die "schwarze Madonna". Einmal als Gemälde am Tor und nochmal als Ikone innerhalb der Kirche. Sie ist Ziel vieler Wallfahrer und wurde, wie wir uns überzeugen konnten, auch von den Teilnehmern des o.g. Kongresses besucht.

 

Die Bastion und das Tor der Morgenröte 

Unsere Zeit in Vilnius fühlte sich zu kurz an, vor allem auch weil wir praktisch nur die Altstadt kennelernen durften und die Neustadt nicht besucht haben. Gerne hätten wir noch mehr der Stadt erkundet, aber mit der begrenzten Zeit die wir hatten wollten wir uns auch nicht stressen. Wir haben aber eine sehr schöne Ecke der Stadt erlaufen dürfen und sie sowohl kulturell als auch kulinarisch sehr genossen. Offene und freundliche Menschen zu erleben, die trotz der Dinge, die sie nicht beeinflussen können, ihre Stadt zu einem Ort machen, den auch Fremde gerne besuchen, war sicherlich das Schönste. 

 

Die Neustadt vom Gediminas Turm 

Für uns ging es mit dem Baltikum Express weiter. Eine Zugverbindung die jeden Tag zwischen Vilnius und Tallin verkehrt und über Riga führt. Es geht jeweils ein Zug in beide Richtungen, wobei die Abfahrt frühmorgens ist und am Ende über 11 Std dauert. Unsere nächste Station war Riga, die wir nach etwa 4.5Std erreichen sollten.

 

Aciu, Vilnius