Während wir die ersten Schritte durch die Stadt machten, und einerseits beeindruckt von der georgianischen und viktorianischen Architektur waren, überlegten wir andererseits warum die ganze Ausstrahlung trotzdem irgendwie düster wirkte. Es war bewölkt und obwohl die Gebäude durchaus prachtvoll waren und für eine glanzvolle Vergangenheit standen, kamen wir uns ein wenig wie in einem Mrs Marple Film vor. Nasses Kopfsteinpflaster unter unseren Schuhen, Regen von oben und links und rechts dunkle Mauern, die so typisch sind für diese Region.
Und dann fiel es uns auf... Während die Häuser im Erdgeschoß meist Pubs, Läden und Restaurants beherbergten, die in bunten Farben leuchteten, waren die Etagen darüber weder verputzt noch gestrichen. Der blanke Sandstein, zu großen Steinquadern gehauen wirkte gleichermaßen massiv wie bedrohlich. Er heisst Ashlar und bildet die Basis für die Bauweise der meisten Gebäude in der Stadt. Seit dem georgianischen Zeitalter, Mitte des 18.Jh, wird der lokal produzierte und wetterbeständige Baustoff verwendet und gibt der Stadt sein typisches Äußeres. Mir kamen dabei die verrußten Fassaden vom Staub der Kohlefeuer von früher in den Sinn, die dem ansonsten helleren Sandstein den dunklen touch verliehen haben. Jedenfalls wurde das Material gleichermaßen für repräsentative Bauten, sowie Reihenhäuser benutzt, die man hier als Terraced Houses kennt, und die man von Bildern kennt, als sich immer wiederholende Häuserreihen, die eine gewisse Monotonie und Trostlosigkeit vermitteln. Aber warum hat man sie nicht trotzdem gestrichen? Es gab/gibt eine Bauordnung die das verbietet, weil eine Versiegelung der Poren des Steins durch eingeschlossene Feuchtigkeit irreparable Bauschäden hervorrufen kann und außerdem galt der Stein als ästhetisch und wertvoll, weswegen jegliche Veränderung wertmindernd war.
Durch diese hohle Gasse muss er kommen... Nein, wir sind nicht bei Wilhelm Tell, aber wer erinnert sich nicht daran wie Renton alias Ewan Mc Gregor in der Anfangssequenz von Trainspotting die Treppe runtergehastet kam und gleich mal von einem Auto angefahren wurde? Dies ist der Drehort dafür gewesen.
Choose Life... Der berühmte Monolog komprimiert das ganze Gefühl der Trost- und Hoffnungslosigkeit in ein paar Worten, die auch am Anfang in uns kurz aufgeblitzt waren. Die Geschichte des Romans spielte in Leith, das früher (wie auch heute noch) das Hafenviertel Edinburghs war. Jedoch hat es sich in den letzten Jahrzehnten mehr als gewandelt. Aus den Drogen- und Hafenspelunken und den ärmlichen Verhältnissen in denen die Hafenarbeiter und Fischer lebten ist inzwischen ein gentrifiziertes Viertel mit schicken und modernen Wohnungen, aber auch vielen Ausgehmöglichkeiten, Restaurants, Shops usw, geworden.
Mit ein Grund dürfte die "letzte Ruhestätte" der Britannia sein, die in einem der Docks des Hafens liegt. Sie bildet den den Kontrast vom Hafen früher, zu heute, und brachte ein gutes Stück Glamour in die ehemals vernachlässigte Ecke der Stadt. War sie doch die königliche Yacht der Windsors, die die Mitglieder der Familie in 44 Jahren über 1Mio Seemeilen weit in die Welt hinausbegleitet hat. Sie ist heute ein Museum und wir waren überrascht wie "antiquiert" sie doch am Ende war. Stand der Technik war dort überwiegend Mitte 50/60er und dürfte wahrscheinlich auch schon so gewirkt haben, bis sie 1998 außer Dienst gestellt wurde. Jedoch ist sie ein sehr gediegener Rückzugsort und dem Stand der Royals angemessen. Insgesamt wurden über 130 Länder angefahren und durch Elisabeth II und ihrer Familie die Ehre eines Besuchs zuteil.
Choose Life... Aber nicht nur Trainspotting wurde von der Stadt inspiriert. Auch Harry Potter Fans dürfen sich freuen, wozu ich allerdings nicht gehöre, weshalb ich mich zu diesem Themengebiet eher kurz fasse: J.K.Rowling hat z.b. im Gebäude, das heute Black Medicine Coffe beherbergt, gerne geschrieben und auch in Edinburgh gelebt, zumindest während sie an den frühen Werken schrieb. Ein Ort, der gerne im Zusammenhang mit Harry Potter genannt wird, ist Greyfriars Kirkyard, an dem wir vorbeikamen. Dort liegen wohl einige Personen begraben, die (zufällig) Namensähnlichkeiten mit Charakteren aus dem HP Universum haben. Aber der Grund unseres Abstechers, war eigentlich eine andere Geschichte. Greyfriars Bobby war ein Hund der Rasse Skye Terrier, der Mitte des 19.Jh dem Polizisten John Gray gehörte. Als dieser starb soll Bobby noch weitere 14 Jahre an seinem Grab gewacht haben. Anfänglich war das wohl nicht so gern gesehen, das sich ein Hund auf dem Friedhof aufhält, aber als bekannt wurde, dass er dem Verstorbenen gehört hatte, machte diese Geschichte von Liebe und Treue schnell die Runde. Und so hat auch Bobby inzwischen einen Ehrenplatz auf dem Friedhof und lebt somit weiter. Irgendwie hat uns dies Story an die des Akita Hachiko in Tokio erinnert.
Die kleine Kirche hat uns vor allem wegen deren Aktivitäten und Nahbarkeit beeindruckt. Auch wenn sie nicht die Hauptattraktion auf dem Gelände ist, waren die Gemeindemitglieder, die dort freiwillig Dienst schieben, sehr freundlich und engagiert. Sie gaben uns Auskunft über die Projekte der Gemeinde und erzählten uns auch ein wenig über die Dinge, die wir innerhlb der Kirche sehen konnten. Außerdem ist sie weit mehr als Kirche. Die Räume werden für Konzerte, Konferenzen und soziale Veranstaltungen genutzt. Ohnehin ist uns eines aufgefallen: so wie die Schotten als Fußball Schlachtenbummler bekannt sind, nämlich als offene und herzliche Menschen, so haben wir sie auch erlebt. Wo auch immer wir ins Gespräch kamen, spürten wir ein echtes Interesse und eine gewisse Willkommenskultur. Sie waren nicht nur zurückhaltend freundlich, sondern durchaus fröhlich uns stolz uns Willkommen heißen zu können.
Ein solcher Mensch war auch Euan, unser Guide für den Besuch von Edinburgh Castle. Er stellte sich vor und erklärte erstmal, dass sein Name aus 75% Vokalen bestünde. Stimmt! Gibt es auch nicht oft. Mit viel Augenzwinkern und Humor hat er mitunter trockene Geschichte lebendig gemacht und dafür gesorgt, dass ich jetzt und hier noch einiges erzählen kann. Da ich wiederum diesen ausgefeilten Humor nicht besitze, werde ich auch nur ein paar kurze Fakten zur Burg liefern. So wurde die Burg beispielsweise auf einem erloschenen Vulkan erbaut und war Schauplatz vieler Auseinandersetzungen, sowie im Vereinigten Königreich die am stärksten umkämpfte Wehranlage. In einem Hof, dem Hospital, steht eine Statue von Feldmarschall Eral Haig, der im 1.WK Oberfehlshaber der britischen Streitkräfte war. Ihm wurde nachgesagt unerbittlich zu seinen Leuten gewesen zu sein und durch Fehlentscheidungen die Verantwortung für tausende Tote auf den Schlachtfeldern von Belgien und Frankreich zu tragen. Jedoch verschrieb er sich, nach seiner militärischen Karriere, der Unterstützung von Veteranen. Mit seiner Frau (ja, hinter einem mächtigen Mann, steht auch immer eine starke Frau), gründete er den Haig Fund, eine Organisation für Wohlfahrt von Veteranen und Kriegsversehrten. Sie wurde bekannt durch den Verkauf von Ansteckern im Design von Mohnblumen, den sog. Poppies. Noch heute wird am "Rememberance day" mit dem Poppy am Revers oder z.B. auch Fußballtrikot, der Soldaten von damals gedacht. Ohnehin ist das Land sehr, sehr stolz auf diejenigen, die im Krieg ihr Leben gelassen haben, im Kampf für die Freiheit. Auf der Burg befindet sich das Scottish National War Memorial und ist all diesen Menschen gewidmet. Ich habe mir auch die Menschen angeschaut, die nicht wie Touristen ausschauten. Die Ehrfurcht war vielen anzumerken.
Außerdem, und da komme ich wieder auf eine Filmgeschichte mit historischer Grundlage, erzählte uns Euan noch vom "Black Dinner", der die Inspiration zur Folge "Der Regen von Castamaer" aus der Serie Game of Thrones lieferte. Aber nicht nur Euan, auch die Menschen im Hotel, seien es die Concierges oder die Servicekräfte beim Frühstück, waren immer für einen kleinen Schwatz aufgelegt. Smalltalk können sie wirklich, die Schotten, so das sie auch mich, der ich es nicht so kann und mag, durchaus beeindruckten.
Aber genug von Filmen und Fiktionen. Wenn man schöne Orte in der Stadt sucht, von denen es viele gibt und die ich auch schon angesprochen habe, darf natürlich einer nicht fehlen. Calton Hill ist liegt extrem günstig für einen guten Blick über die Stadt. Nach einem kurzen Anstieg auf ca 100m hat man eigentlich in alle Richtungen schöne Panoramen. Die Burg, Hollyrood Palace, Leith mit seinem Hafen und auch die Innenstadt kann man von dort prima ablichten. Auf ihm und um ihn stehen auch einige bedeutende Monumente, wie u.a. das National Monument mit den Säulen im griechischen Stil, der Turm des Nelson Monuments und das Dugald Stewart Monument.
In den Restaurants war nichts von Steifheit zu spüren und lediglich der Akzent ein Hindernis, wenn er zu schottisch wurde. Dafür waren die Gerichte auf den Tellern durchaus farbenfroh und haben uns gut geschmeckt. Das Hendersons ist beispielsweise das älteste vegetarische Restaurant in Großbritannien und existiert, mit einer kurzen Unterbrechung 2020 wegen Covid, seit 1962. Damals gegründet von Barrie Hendersons Großmutter, hat es sich unter seiner Leitung weiterentwickelt und bietet modernisierte schottische Küche, aber auch internationale Einflüsse. Ich habe dort z.b. ein vegetarischen Haggis probiert, das eigentliche schottische Nationalgericht. Den Einfluß aus aller Welt merkten wir auch beim Schärfegrad. Wir essen gerne pikant und fanden die Gerichte perfekt gewürzt.
Das Moss, in dem ich mir erhofft hatte dann mal einen original schottischen Haggis zu probieren (es gab leider keinen im Menu), glänzte wiederum mit viel Gemüse von der eigenen Farm und besten Zutaten aus dem Meer um Schottland.
Im Lyla hatten wir wiederum ein Menu nahe an der Perfektion. In einem alten georgianischen Haus wurden wir von Anfang bis Ende mit Köstlichkeiten aus Schottland verwöhnt. Wir hatten ein "Pescetarian" Menu gewählt und hatten nicht einen schwachen Gang, was ja auch in den besten Häusern immer mal vorkommt.
Das Edinburgh aber durchaus farbenfroh ist, merkt man schnell, wenn man umherläuft. In den Geschäftsstraßen sind die Erdgeschosse mit den Läden oft total bunt und scheinen einem förmlich zuzurufen, dass das Leben durchaus schön ist... Choose Life. Für diese sogenannten Shopfronts musste das Erdgeschoß umgebaut werden und die Steinfassade durch eine Rahmenkonstruktion aus Holz ersetzt werden, die man, aufgrund des Materials mit witterungsbeständiger Farbe lackiert. Heutzutage erhöht das auch die Aufmerksamkeit und ist u.U. auch Teil der visuellen Identität des Ladens.
Auch die Tartans, das sind die schottischen Karos, kennen nicht nur grün und rot, sondern verschiedene Kombinationen, die teilweise nur bestimmten Clans und Familien vorbehalten sind. Um beim grün zu bleiben, der dominanten Farbe in diesem Land: es ist sehr grün dort. Allein auf unserem Spaziergang entlang des "Waters of Leigh" konnten wir komplett in ein fast schon verwunschenen Grünstreifen eintauchen von wo wir teilweise nichtmal die Hausdächer mehr sehen konnten. Das zauberhafte Dean Village, an dem wir rauskamen, wirkte ein wenig wie Mittelerde aus Herr der Ringe. Leider ist es aber kein Geheimtipp mehr, eher das Gegenteil. Aber auch sonst ist grün die bestimmende Kontrastfarbe zum ocker und beige der Häuser. Die akkurat geschnittenen Rasen, die Highlands, die kurz außerhalb der Stadt beginnen, die Parks im Zentrum. Mit den Blumen, die überall an den Hausfassaden hängen, wirkt doch alles viel freundlicher als der erste Eindruck uns vermittelt hatte.
Jenseits der Altstadt, um die Royal Mile und die Burg, ist die Ende des 18. Jh die New Town entstanden, als Gegenentwurf zur Enge und Überfüllung der Altstadt. Sie galt als mondäne und gepflegte Wohngegend. Oberhalb der Princess Street und vor allem um Moray Place, Ainslie Pl und Charlotte Sq wo die Häuser im Kreis um den zentralen Platz angelegt sind, finden sich Zeugen aus der Anfangszeit der Industrialisierung. Hier haben einige der bekanntesten Bürger Edinburghs ihre Wohnhäuser gehabt. Der Wohlstand war nicht mehr nur auf den Adel beschränkt, sondern erfasste immer mehr Berufsgruppen u.a. Politiker, Industrielle oder Ärzte. So lebten dort beispielsweise Alexander Graham Bell, Joseph Lister und Sir Walter Scott.
Das Zentrum, das Epizentrum der Stadt ist allerdings die Royal Mile. Fälschlicherweise oft für eine durchgängige Straße gehalten, ist sie eigentlich eine Aneinanderreihung verschiedner Straßen zwischen der Burg an einem Ende und dem Hollyrood Palast am anderen. Auf der etwa eine schottische Meile langen Verbindung beginnt man auf der Cannongate. Dort befindet sich am Anfang Hollyrood Palace, der offizielle Sitz des Monarchen Großbritanniens in Schottland. Direkt gegenüber befindet sich in einem topmodernen Gebäude das schottische Parlament.
Auf der Highstreet findet sich u.a. das John Knox Haus des gleichnamigen schottischen Reformators. Weiter oben dann das alte Parlament und Schottlands höchstes Zivilgericht.
Der nächste Abschnitt ist Lawnmarket der ursprünglich mal als Marktplatz für heimische Produkte galt. Das letzte Stück heisst Castlehill und führt die letzten ca 200m bis zur Burg. Der Vorplatz ist Schauplatz für das wohl bekannteste Fest der Stadt, das Military Tattoo. Das seit 1950 abgehaltene Musikfestival ist Militärkapellen vorbehalten, aber der Musikstil ist inzwischen frei wählbar, und so spielen manche der Gruppen auch Popmusik. Jeden August finden die Aufführungen wochentags vor über 8000 zahlenden Gästen statt. Im August ist auch der Festmonat an dem die ganze Stadt auf den Beinen ist und überall gefeiert wird. Wir waren Anfang September da, weil da die Preise auch gleich mal deutlich günstiger sind, aber die Spuren der Feierlichkeiten, wenn sich tausende Menschen auf der Royal Mile entlangdrängen, waren noch sichtbar.
Entlang der Royal Mile, und nicht nur dort sondern überall in der Altstadt, gibt es kleine Durchgänge: Closes und courts. Sie führen von der Hauptstraße weg, entweder als abschließbare Abkürzung (daher closes. Offene Wege sind wynds) zu einer anderen Hauptstraße, oder aber in courts, was Hinterhöfe sind, die durchaus reizvoll sein können. Von ihnen gibt es, über die ganze Stadt verteilt, mehr als zweihundert, und dutzende allein entlang der Royal Mile. Ein unscheinbarer offenbarte uns allerdings einen der beschaulichsten Orte der Stadt: Dunbars Close, der in einen kleinen öffentlichen Garten führt, der fast menschenleer war, als wir ihn besuchten. Auch schön, aber kein Geheimtipp sind James Court und Wardrop`s Court, die in den gleichen Hinterhof führen und wo sich das Writers Museum befindet.
Ach ja, unsere Unterkunft hatte ich noch gar nicht erwähnt: The Scotsman. Das prächtige Gebäude liegt direkt am Waverley Bahnhof und war für den urspünglichen Zweck ideal. In ihm befand sich die Redaktion und Druckerei der gleichnamigen Zeitung und somit konnten die neusten Zeitungen direkt ins Land geliefert werden. Gäste des Hotels können sich noch heute morgens ein Exemplar aufs Zimmer bringen lassen.
Entgegen unseres ersten Eindrucks hat sich Edinburgh (übrigens "Edinbra" gesprochen) nicht als trist und eintönig herausgestellt. Die allgemeine Stimmung der Menschen und die vielen farbigen Akzente haben uns eine sehr freundliche Stadt gezeigt, die sehr gediegen daher kommt. Die vielen Geschichten und ihre Historie sind so vielfältig und üppig, dass man sich allein damit tage- bzw wochenlang beschäftigen könnte. Uns hat sie sehr gut gefallen und das Wetter ist genauso vielseitig wie die Stadt selbst und kein Hinderungsgrund raus zu gehen. Man sollte nur auf die Eventualitäten vorbereitet sein und jeden Tag den Wetterbericht schauen. Thank you Auld Reekie

































































